moritz-Magazin

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12 years ago @ webMoritz.de - Bewegung in Debatte um... · 2 replies · +1 points

Im Dezemberheft des moritz erschien der Artikel "Kunst oder Klassenkampf?", welcher sich mit der Thematik beschäftigte. Das aktuelle Heft ist im Druck und somit können wir leider nicht mehr diesen uns per E-Mail zugegangenen Leserbrief veröffentlichen. Von Prof. Ulrich Puritz, Lehrstuhlinhaber am Caspar-David-Friedrich-Institut somit an dieser Stelle:

„Kunst oder Klassenkampf?“
Ein Nachtrag zum Artikel von Luisa Pischtschan im Dezember-Moritz

Die Frage steht klipp und klar. Nur die Antwort ist Wischiwaschi. Sie hätte ebenso klar ausfallen müssen: Klassenkampf! Natürlich. Was sonst war der „sozialistische Realismus“? Die KPdSU Stalins hatte ihn 1932 beschlossen und den Bruderparteien durchgereicht. Walter Ulbricht - auf dem Moritz-Foto neben Lea Grundig gut zu erkennen - hatte ihn im Gepäck, als er 1945 in kommunistischer Mission aus Moskau zurückkehrte. Sein Ziel und jenes der späteren DDR-Staatsführung war erklärtermaßen eine „Diktatur des Proletariats“. Hans und Lea Grundig waren nicht „Mitläufer“, sondern agierten sehr überzeugt in „vorderster Front“. Lea Grundig war bis zuletzt - neben anderen Funktionen - ZK-Mitglied der SED. Ein Blick in ihre Bücher zeigt: das war sie mit „Leib und Seele“. Der „sozialistische Realismus“ - weder war er sozial und erst recht nicht realistisch - diente als Keule gegen alle, die anderer Meinung waren.

Man muss nicht namentliche Opferlisten führen, um sagen zu können, dass alle Künstler, die Kunst selbst und alle Nichtkünstler Opfer waren. Die Künstler hatten die Faust im Nacken und die Stasi vor der Tür. Die Kunst wurde im Staatsauftrag und unter staatlicher Kontrolle zum Werbeträger und zur Gehirnwaschanlage. Alle Nichtkünstler wurden hinsichtlich der Möglichkeiten und Aufgaben von Kunst für dumm verkauft. Manche von ihnen sind bis heute dumm geblieben.

Der Moritz-Artikel täuscht darüber hinweg, dass Lea Grundig - Hans Grundig war bereits 1958 verstorben - als besonders engagierte parteipolitische Statthalterin im DDR-Kulturbetrieb fungierte, welcher unter dem Deckmantel eines fernen und abstrakt Humanen - dem „Sozialismus“ in SED-Ausführung - eine ganz und gar inhumane Realität installieren, unterhalten und durchsetzen half - einschließlich Mauerbau, Todesstreifen und Selbstschussanlagen.

Was hat ein Kunstinstitut, dass für eine freie, individuelle, eigenverantwortliche und kritische Kunst einsteht, mit einer geerbten Preisgeberin zu schaffen, die Zeit ihres Lebens gerade dieser Kunst mit allen Mitteln den (Klassen-)Kampf ansagte?

Wer über das Problemfeld Genaueres erfahren möchte, um vielleicht einer schleichenden Amnesie entgegenzuwirken, kann im beigefügten Heft zu Hans und Lea Grundig nachlesen (Ulrich Puritz: Hans und Lea Grundig: DDR-Staatskunst heute... C/O Friedrich, Greifswald 2010). Es wird in Kürze am Caspar-David-Friedrich-Institut zu erwerben oder kostenlos aus dem Internet unter <a href="http://www.cdfi.de" target="_blank">www.cdfi.de herunterzuladen sein.